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Auf die Signale achten

Wie wissen Eltern, ob sich das Geschwister des behinderten Kindes in seiner Situation zurechtfindet, sich wohl fühlt? Der Alltag lässt oft kaum Zeit für eine Atempause und man ist froh, wenn die Geschwister "funktionieren". Dennoch: Geschwisterkinder setzen Signale, wenn etwas nicht stimmt.

 
Kleines Mädchen drückt lachend ihre behinderte Schwester an sich

Geschwisterkinder geben auf verschiedenste Art und Weise Signale, wenn sie sich vernachlässigt oder überfordert fühlen. Es kann z.B. passieren, dass Ihr Kind plötzlich beginnt, das behinderte Geschwister nachzuahmen oder durch besonders aggressives Verhalten auffällt. Vielleicht glaubt es, so Aufmerksamkeit zu bekommen.
Andere Kinder ziehen sich in sich selbst zurück, wenn sie überfordert sind. Vielleicht lassen Schulleistungen plötzlich rapide nach. Vielleicht ist Ihr Kind zu Hause „mustergültig“, aber Sie erfahren von der Schule, dass Ihr Kind massive Probleme mit Mitschülern oder Lehrern hat.
Manchmal finden sich Signale in Kleinigkeiten.

Eltern bemühen sich im Allgemeinen, ihre Kinder nicht unterschiedlich zu behandeln. Sie bemühen sich, den unterschiedlichen Bedürfnissen nachzukommen. Aber im Alltag mit einem behinderten Kind fühlen sich Eltern auch oft schier zerrissen zwischen den verschiedenen Bedürfnissen der so verschiedenen Kinder. Gerade deshalb ist es wichtig, sich Unterstützung zu holen – um den Freiraum schaffen zu können, auch auf die Signale der Geschwisterkinder zu achten.

aus Kinder 6/2000:

"Ich kann machen, was ich will", sagt Julia, "Florian kommt immer zuerst." Julia ist zwölf, hübsch, freundlich, gut in der Schule. Doch die Einsen und Zweien, die sie aus der Schule mitbringt, sind nichts gegenüber dem dreibeinigen, einohrigen Hund, den Florian, 15, in der Waldorf-Einrichtung für Behinderte gemalt hat.
Auch Florian ist hübsch. Die geistige Behinderung sieht man ihm nicht an. Und eben dies macht es der Mutter leichter, mit seiner schwierigen Wesensart zurecht zu kommen. Florian ist kein "charmantes" Kind. Meistens übellaunig, flatterhaft, innerlich nicht zu erreichen.
Julia mag den Bruder - manchmal.
Und nicht so selten hasst sie ihn auch.
Zumindest was das Aussehen betrifft, versucht sie, ihm die Schau zu stehlen. Extrem auf ihre äußere Erscheinung bedacht, auf die angesagtesten Klamotten. Extrem in ihren Bemühungen, mit Charme und schulischen Leistungen sich zumindest soviel Beachtung zu erkämpfen, wie sie Florian, dem Sorgenkind, ohne alles eigene Zutun in den Schoß fällt.
"Julias Ehrgeiz", sagt die Mutter, "das ist richtig krank!". Außenstehende gewinnen zuweilen den Eindruck, als werde in Familie F. der (gesunden) Tochter die Rolle des eigentlichen "Patienten" zugewiesen.
Und das ist, wenn auch aus anderer Sicht, zumindest teilweise zutreffend. "Patient", verstanden als jemand, dem etwas fehlt, der Zuwendung braucht und Verständnis.

Ilse Achilles fasst für Eltern zusammen, woran diese beobachten können, ob mit dem Geschwisterkind "alles stimmt":

„Als gelungen gilt die Entwicklung eines Geschwisterkindes, wenn es

  • überwiegend eine gute Beziehung zu dem behinderten Kind hat
  • so sicher und kompetent wie möglich mit dem behinderten Kind umgeht
  • sich gegenüber dem behinderten Kind abgrenzen kann, also nicht glaubt, ständig in Bereitschaft sein zu müssen
  • auch negative Gefühle dem behinderten Kind gegenüber empfindet und diese Gefühle zugeben kann
  • sich in der Öffentlichkeit (meist) nicht (mehr) mit dem behinderten Kind schämt
  • ein überwiegend positives Selbstbild hat
  • seine Zukunft unabhängig vom behinderten Kind plant“