Der Überlebende, der Heinrich Gross wiederfand | 1 2 3 4 5 6 7 |
Das Martyrium der Kinder-Fachabteilung "Am Spiegelgrund" überlebt, die Nachkriegszeit mehr schlecht als recht bewältigt - das war das Leben von Friedrich Z.
Eine entscheidende Wende bedeutete für ihn ein Wiedersehen in den siebziger Jahren, und das war keines der erfreulichen Art: Primar Heinrich Gross sollte ein gerichtspsychiatrisches Gutachten über den damals wegen eines Einbruchs Angeklagten erstellen, der Staatsanwalt hatte die Sicherungsverwahrung beantragt.
Friedrich Z. kam im Krieg auf den Spiegelgrund in den Pavillon 17, in dem die so genannten schwer Erziehbaren untergebracht waren. Monate lang war der damals 14-Jährige in einer Einzelzelle eingesperrt, bekleidet nur mit einem Nachthemd und Hausschuhen. "Am Abend hab ich dann drei Matratzen und Decken sowie Polster ohne Überzüge bekommen. In der Früh wurde das dann aus der Zelle genommen und am Gang deponiert. Und ich bin wieder den ganzen Tag auf und ab gerannt", erzählt Friedrich Z.
Auch der Ausblick war alles andere als erfreulich. Das Fenster war aus Milchglasscheiben, nur am Rand gab es einen schmalen Spalt, durch den Friedrich Z. durchschauen konnte. Er sah den Pavillon 15, eines Tages davor einen Karren. "Darauf war ein Sarg so lang wie die untere Ladefläche, 50 oder 60 Zentimeter breit und mit einem einzigen Deckel zu öffnen. Wie eine Truhe sah das aus. Zwei Männer gingen in den Pavillon 15. Als der erste wieder herauskam, hatte er unter beiden Armen Kinder, eingewickelt in Tücher." Friedrich Z. sah dann nicht mehr hin, er bekam es mit der Angst zu tun.
Der Karren des Spiegelgrund war auch eine oft ausgesprochene Drohung: "Bei jeder geringen Verfehlung wurde vom Personal mit dem Leiterwagen gedroht", so Z. "Es ist immer am Spiegelgrund geredet worden, hier werden Kinder ermordet. Im Jargon: Die Deppat'n draht der Hitler olle ham."
Auch der heute 70-Jährige wurde direkt damit konfrontiert: Er musste jeden Tag seinen Nachttopf ausleeren und dabei durch einen Schlafsaal gehen, in dem behinderte Kinder lagen. Eines Tages sei das Bett vorne rechts leer gewesen, und Z. fragte eine Schwester, wo der Bub geblieben sei: "Sie sagte daraufhin: 'Sei stad, weu sunst kummst ah durt hin.' Ich bekam es mit der Angst zu tun, weil mein persönlicher Feind war der Primarius Dr. Illing (Vorname Ernst, Nachfolger von Dr. Erwin Jekelius als Leiter des Spiegelgrunds, Anm.)."
Illing schrieb in einem Gutachten über Friedrich Z., er sei ein "aktiv antisozial kriminell veranlagter Jugendlicher". Der Primar sei es auch gewesen, der ihn "absonderte". Etwa einmal im Monat habe es eine Visite von Illing gegeben, bei der dann auch Heinrich Gross und Marianne Türk als die weiteren Anstaltsärzte teilnahmen. Friedrich Z. nahm seinen ganzen Mut zusammen und sagte zu Illing: "'Herr Obermedizinalrat, ich hätte eine Bitte.' Darauf bekam Illing einen Tobsuchtsanfall und schrie: 'Du Kreatur, Du Wurm, Du hast zu kuschen und zu folgen, aber Bitten hast Du keine vorzubringen. Du bist nicht würdig zu bitten.'"
Als Z. es erneut versuchte und um Bleistift und Papier bat, schlug ihn Illing zweimal. "Eine halbe Stunde später ist der Gross gekommen und sagte 'Hemd in die Höh'. Ich spürte einen Stich -- es war die erste Speibinjektion, die ich bekam. Nach einer halben Stunde reckte es mich das erste Mal. Da ist natürlich alles, was ich im Magen hatte, raufgekommen, ich hab alles verschmutzt." Obwohl der Magen nach zehn Minuten leer gewesen sei, war der Drang zum Brechen weiter vorhanden. "Zeitweise gab es Phasen, dass ich glaubte, ich muss ersticken. Am Nachmittag bin ich dann in der Zelle hingefallen und offenbar eingeschlafen. Eine Schwester kam irgend wann, hieß mich eine 'Drecksau', ich musste die Zelle aufwaschen ..."
lhw/spu