Lange hat es gedauert, bis die "Kinder vom Spiegelgrund" ihre letzte Ruhe finden durften - jene 772 Kinder, die im Nationalsozialismus unter grauenvollen Umständen ermordet wurden.

- Schüler mit Fotos der ermordeten Kinder vom Spiegelgrund bei der feierlichen Beisetzung am Zentralfriedhof
Symbolische Beisetzung der Kinder vom Spiegelgrund
Die Aufarbeitung der Morde in der "Kinderfachabteilung" der Anstalt "Am Steinhof" während des Dritten Reiches führte am 28. April 2002 am Zentralfriedhof in Wien mit einer feierlichen Beisetzung der Opfer zu einer längst überfälligen Ehrenbezeugung.
Die Kinder, die in den Pavillons als Lebendmaterial zur "wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" unter grauenvollen Umständen ermordet wurden, sollen nun ihre letzte Ruhe finden. Die Opfer werden in zwei Etappen beigesetzt. Noch vor dem offiziellen Akt werden nach Absprache mit den Angehörigen die meisten der sterblichen Überreste von rund 600 Kinder, die als "medizinischer Präparate" dienten, in engstem Kreis beigesetzt.
Allein in der Kinderklinik "Am Spiegelgrund" wurden 772 Kinder unter dem Regime des Nationalsozialismus als "unwertes Leben", "schwer erziehbare oder asoziale Jugendliche", aber auch als Kinder von Eltern, die Zeugen Jehovas waren, in den Pavillons misshandelt und getötet. Ihre Eltern waren getäuscht oder mit Drohungen zu einer Einlieferung gezwungen worden. Und sie wurden natürlich in keinster Weise von den wahren Absichten hinter diesen Einweisungen informiert.
Als Menschen, die nicht in das Konzept der NS-Ideologie passten, wurden die Minderjährigen in der Anstalt gedemütigt, gequält und schließlich liquidiert.
Nach einer in Österreich nur sehr kurzen Phase der aktiven Entnazifizierung hat dieses Verbrechen noch ein peinliches Nachspiel erhalten, das sich im Fall des ehemaligen Spiegelgrund-Arztes Dr. Heinrich Gross manifestiert. Der ehemalige NS-Arzt wurde trotz einer Verurteilung wegen Totschlags bereits 1954 nach Einstellung des Verfahrens und eines vorangegangenen lächerlich milden Urteils zum Leiter des Referates für Jugendfürsorgeanstalten bestellt. Als einer der meistbeschäftigten Gerichtsgutachter Österreichs erhielt Gross sogar Ehrenzeichen der Republik Österreich. Der nationalsozialistisch schwer belastete Arzt konnte in Österreich, einem Land, das sich als Opfer des NS-Regimes darstellt, ungehindert Karriere machen. Nach Jahrzehnten der Verdrängung kann sein Fall heute aus Gründen seiner "Verhandlungsunfähigkeit" nicht mehr vor Gericht aufgerollt werden.
Mit der Beisetzung der Kinder vom Spiegelgrund sollte kein Schlusspunkt, sondern ein Akt gesetzt werden, der wachsam halten soll. Das Unfassbare dieser Geschehnisse soll nicht begraben werden, sondern als Mahnung weiterleben. Seit Mai wurde daher eine permanente Ausstellung am Ort der Verbrechen installiert; weiters fanden Symposien zum Thema statt.
2001 / lhw spu
