Geschwister behinderter Kinder nehmen ihre Rolle sehr selbstverständlich wahr. Dennoch sind sie in einer besonderen Situation: Schon früh werden sie mit Leid, Sorge, Einschränkung, Ängsten und Schuldgefühlen konfrontiert.
Natürlich sind Geschwister behinderter Kinder in erster Linie einmal einfach Kinder.
Und natürlich prägt das Aufwachsen mit einer behinderten Schwester/einem behinderten Bruder ganz besonders. Ilse Achilles hat sich gefragt, in welcher Form diese besondere Prägung passiert:
" Wenn Sie sich in Ihrer eigenen Familie umsehen, in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, werden Sie zwei Hauptentwicklungsrichtungen beobachten können. Die eine ist: Kinder leiden unter der Behinderung eines Geschwisters, fühlen sich zurückgesetzt und überfordert. Sie schämen sich. Schließen schwer Freundschaften, glauben sich isoliert. In der Schule bringen sie schlechte Leistungen. Später im Leben wirken sie misstrauisch und verschlossen.
Eine andere Entwicklungsmöglichkeit ist, dass Geschwister eines behinderten Kindes praktischer, sozial kompetenter, reifer, im Ganzen eben ausgegelichener und belastbarer werden.
Zwischen diesen beiden Extremen gibt es natürlich reichlich Zwischenstufen.
Wichtige Frage für uns Eltern: Woran liegt es, ob die Entwicklung der Geschwisterkinder in die eine oder in die andere Richtung läuft?
Ich nenne vier Faktoren. Die beiden bestimmendsten dabei sind:
- Die Persönlichkeit der Eltern und ihre Beziehung zueinander
- Die Geschwisterkonstellation, also welches Geschlecht und welchen Altersabstand die Geschwister haben
und - erstaunlicherweise weniger wichtig: - Die Art und Schwere der Behinderung
- Die soziale Situation der Familie. Dazu gehört auch Anzahl der Familienmitglieder"
Von Geschwistern behinderter Kinder wird meist stärker erwartet, Rücksicht zu nehmen und sich um den Bruder/die Schwester zu kümmern. Sie werden auch damit konfrontiert, von anderen Menschen auf die Behinderung des Geschwisterkindes angesprochen zu werden – und das nicht nur liebevoll, sondern vielleicht auch einmal mit Mitleid oder Spott.
Geschwister behinderter Kinder müssen oft früh mit ihren Bedürfnissen zurückstecken lernen, weil das Geschwisterkind durch seine Behinderung viel Unterstützung und Pflege braucht und einfach nicht genug Zeit und Ressourcen bei den Eltern vorhanden sind.
Und manchmal fordern Eltern auch unbewusst vom nicht behinderten Kind sehr viel, um einen „Ausgleich“ zu schaffen zu dem, was das behinderte Kind nicht leisten kann. Dann geraten Geschwisterkinder unter Leistungsdruck.
Auch Eifersucht, Schuldgefühle und Ängste gehören ins „Geschwisterpaket“ – eine besondere Situation eben, die besondere Aufmerksamkeit erfordert. Das kann im Familienalltag leicht übersehen werden, da die besondere Aufmerksamkeit dem Kind mit Behinderung gilt. Hier "wachsam" zu bleiben und Nischen zu schaffen, in denen Lebenfreude getankt werden kann, ist die besondere Herausforderung in dieser besonderen Familiensituation.
