HTML Version    Schriftgröße: A A A        

Gleichstellen statt Gleichmachen

In einer Gesellschaft, in der es hauptsächlich darum geht, Normen aufzustellen und jenen dann auch zu entsprechen, ist es für alle und alles, was sich außerhalb dieser Norm bewegt äußerst schwierig, einen Platz zu bekommen.

 

Zeitung und Medien wie Fernsehen und Film spiegeln uns tag-täglich sehr gut wieder, was rur uns "die Norm" - "das Normale" ist oder besser: Zu sein hat. "Jung, dynamisch, aufstrebend" - was wie die Schlagworte eines Stellen- oder Kontaktinserates klingt, das sind eigentlich jene Merkmale, mit denen es uns "versprochen" wird, ein erfülltes Leben führen zu können. Wer gesund und "funktionstüchtig" ist, der hat es gut. Was aber ist, wenn ich alt bin, wenn ich krank bin - wenn ich behindert bin?
Nun - es gibt ja die Medizin (und die Pharma­industrie), die in millionenschweren Forschungs­projekten dafür Sorge trägt, dass diese "Schwachstellen" immer besser unter Kontrolle gebracht werden - "ausgemerzt" werden.

Die Schwangerschaft einer Frau, die heute mit 35 Jahren erstmals schwanger wird, gilt als "Risiko­schwangerschaft". Diese Bezeichnung spricht rur sich: Es besteht das Risiko, dass sie ein Kind in die Welt setzt, das krank oder behindert ist. Krankes oder behindertes Leben ist also ein Risiko, und zwar ein Risiko rur die Gesellschaft, weil es Geld kostet, dieses Leben dann "zu integrieren" .
Vielleicht ist es aber auch vielmehr ein Risiko rur die Eltern - das Risiko, von der Umgebung ausgeschlossen zu werden mit diesem Kind, das "nicht normal" ist.
Und ein Risiko rur diesen neuen Erdenbürger: Das Risiko, sich auf dieses Leben einzulassen inmitten einer Gesellschaft, die ihm Tag rur Tag zeigen wird, dass er "anders" ist, nicht so wie er "normal" sein sollte. Er muss damit leben, komisch angeschaut oder gar ausgelacht zu werden; er muss damit leben, bemitleidet zu werden. Er muss vielleicht ein Leben lang mit der Enttäuschung seiner Familie leben, dass er nicht das "gesunde" Kind geworden ist, das sie sich gewünscht hatten - oder damit leben, von seiner Familie ein Leben lang zu "etwas Besonderem" gemacht zu werden, was ihm auch wiederum eine einsame Position gibt.

Die Teilnehmerin einer Tagung in Kassel - eine Frau, die im Rollstuhl sitzt - sagte einmal in ihrem Schlussreferat: "Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich habe es satt, ständig Ihre Bereiche­rung zu sein! Ich bin genauso gut oder schlecht wie jeder unter Ihnen!" Es war dies eine Tagung, deren TeilnehmerInnen ausschließlich aus MitarbeiterInnen von Behindertenorganisationen sowie Selbstvertretern bestand.

"Selbstvertreter" - Menschen mit Behinderung, die selbst für sich und ihre Anliegen sprechen. Es ist in der "Behindertenszene" in den letzten Jahren ausgesprochen wichtig geworden, diese Gruppen zu fördern. Wir wollen ja die bestmögliche Integration behinderter Menschen. Wir wollen ihre Gleichstellung - wir wollen ihre Selbständigkeit fördern und unterstützen.

Das sind wichtige Ziele, an denen es keine Zweifel gibt - aber halten wir dabei auch kurz inne und forschen gelegentlich auch einmal bei uns selber nach, wie gleich-gestellt Menschen mit Behinderung in unseren eigenen Köpfen eigentlich sind.

Wenn ich einen behinderten Menschen als mir gleich-gestellt empfinde, warum betone ich dann bei jeder Gelegenheit, wie "bereichernd" der Umgang mit ihm rur mich ist, warum hebe ich unentwegt all seine positiven Züge hervor? Weil es mich überrascht und entgegen meinen Erwartungen ist? Weil ich mich selber und meine Umgebung davon überzeugen möchte, dass dieser Mensch auch wirklich wertvoll ist?

Menschen mit Behinderung malen und stellen ihre Werke aus. Diese werden bewundert und gelobt. Wenn "normale" Menschen malen und eine Ausstellung machen gibt es immer auch Kritik. Niemand ruhlt sich "verpflichtet", alles zu loben.
Ist der Mensch mit Behinderung in meinem Kopf also ein mir gleich-gestellter, so kann ich ihn mit den gleichen Augen betrachten wie jeden anderen meiner Mitmenschen: Er hat gute und schlechte Seiten, Fähigkeiten und Schwächen, Eigen­schaften, die ich an ihm mag und Eigenschaften, die mich stören und verärgern.

Hier beginnt Gleichstellung - im Kopf.

Wir treten auch für die "Vielfalt des Lebens" ein, dafür, dass alle Menschen unabhängig ihrer ethnischen Abstammung, Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion und - ihrer Krankheit oder Behinderung, die gleiche "Menschen­würde", die gleichen Rechte haben.
"Vielfalt des Lebens" - ganz einfach übersetzt - hieße doch: Es ist wichtig, dass es uns alle gibt, so wie wir sind, so wie wir geboren werden. Mit schwarzer, weißer oder bunter Hautfarbe, mit einem oder zwei Beinen, als Weibchen oder Männchen.

Warum soll ich dann im Bauch einer Schwangeren danach suchen, ob ihr Kind Down-Syndrom haben wird, um danach der werdenden Mutter die Entscheidung zu ermöglichen, dieses Kind vielleicht doch nicht zur Welt zu bringen. Gehört "Down-Syndrom" nicht auch zur "Vielfalt des Lebens"? Wie vielfältig darf Leben in unserer Gesellschaft sein?
Wenn Menschen mit Behinderung in unseren Köpfen gleich-gestellt sind, dann müssen wir nicht danach streben, möglichst schon vor ihrer Geburt (oder Zeugung?) ihre künftige Behinderung zu entdecken.
Eine Schwangere kann sich in unserem Land innerhalb einer bestimmten Frist entscheiden, ihr Kind zu bekommen oder die Schwangerschaft abzubrechen - Entscheidungsgrundlage ist der Lebenskontext der Frau. Mit der Diagnose einer eventuellen Behinderung des Kindes wird diese Entscheidungsgrundlage aber auch auf das Kind verschoben: Die Frau entscheidet jetzt nicht mehr "nur", ob sie sich auf eine einschneidende Veränderung ihres Lebens durch das Muttersein einlässt, sie wählt jetzt auch aus: Welches Leben ist es wert, dass sich mein Leben als Frau in dieser Gesellschaft verändert (und zwar im entspre­chenden Gesellschaftskontext).

Unser Gesellschaftskontext diesbezüglich ist ein leicht verständlicher: Ein behindertes Kind erschwert das Leben. Wie gleich-gestellt kann dieses behinderte Ungeborene also im Kopf der Schwangeren sein und wie "frei" ihre Entscheidung?

Jeder von uns hat einen bestimmten "Lebensplan" : Wir gehen zur Schule, erlernen einen Beruf, suchen Arbeit, erschaffen uns eine eigene Wohnung, haben Beziehungen und gründen vielleicht eine Familie. Das empfinden wir als "das Normale", ja als unser Recht. Menschen mit Behinderung müssen sich diese Rechte mühsam erkämpfen, und zwar auf allen Ebenen: In der Gesellschaft genauso wie im Privat­bereich.

Der Weg zur Schulintegration war ein langer. Schulintegration war ein wichtiges Ziel in unserem Land, und zwar ein noch vor gar nicht allzu langer Zeit erreichtes Ziel, das heute durch die Sparmaßnahmen wieder gefährdet ist. Der Kampf um die Integration ins Arbeits- und Be­rufsleben für Menschen mit Behinderung ist ein aktueller. Und wenn "Behinderte" dann auch noch unabhängig vom Elternhaus wohnen wollen, gar eine Partnerschaft ruhren oder Familie gründen wollen, dann wird sehr schnell klar, wie gleich­gestellt sie in unserer Gesellschaft sind. Das ist nicht nur ein Kampf an politischer und gesell­schaftlicher Front, das ist in allererster Linie auch einmal ein Kampf mit der näheren Umgebung. Denn in unseren Köpfen ist es noch nicht ganz klar, warum dieser Mensch, dessen Leben wir auf grund seiner Behinderung als ein für ihn besonders schwieriges und darum auch nicht so erfülltes Leben einstufen, denn die gleichen Bedürfnisse haben soll wie wir- die gleichen Träume, Wünsche, Sehnsüchte.

Gleichstellung beginnt in unseren Köpfen.

Wenn wir aufhören, Menschen, die "anders" sind, uns gleich-machen zu wollen, sondern sie uns gleich-stellen mit "Bedürfnissen gleich den unsrigen", dann ist der Anfang schon gemacht!

Februar 2001 / lhw SH