Leben heißt Lernen. Von Geburt an, bis ins hohe Alter. Natürlich auch bei Menschen mit einer geistigen Behinderung.
So selbstverständlich war diese Einsicht nicht immer. Vielfach haben Eltern, Lehrer, Therapeuten anfangs nicht den richtigen Zugang zu einem Baby gefunden, das mit einer geistigen Behinderung geboren wurde. Doch mithilfe der nunmehr jahrzehntelangen Erfahrung von Eltern und Fachleuten ist es möglich, schon sehr früh Kinder zu fördern und dadurch Fähigkeiten zu entwickeln und Folgewirkungen einer Behinderung zu minimieren.
Im Vordergrund steht dabei die Entwicklung der Selbständigkeit und der sozialen Kompetenz. Wir wollen, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung so weit als möglich lernen, ihr Leben zu gestalten und selbst in die Hand zu nehmen. Dieser Lernprozess beginnt mit der Geburt und bleibt Teil des Lebens. "Was Hänschen nicht lernt": Mag sein, dass es Hans nimmer so gut lernt. Aber es gibt immer noch eine zweite Chance, auch im Alter (eine Einsicht, die auch manchem "Nichtbehinderten" eine Hilfe wäre).
Auch die Fähigkeiten von Eltern und Fachleuten, mit neuem Verständnis ihre Kinder oder Klienten zu unterstützen, unterliegt einem Lernprozess. Bei Kindern mit Down Syndrom etwa arbeiten heute Pädagogen und Psychologen an computergestützten Lernprogrammen, die schon im Alter von fünf und sechs Jahren Lesen und Schreiben fördern. Die Folge: Kognitives Lernen (das Erfassen von sachlichen Inhalten) kann besser unterstützt werden; auch die Folgen einer bislang nicht restlos erforschten Hörstörung werden gemindert. Ähnliche Fortschritte sehen wir derzeit bei einer Reihe autistischer Kinder und Erwachsener, die sich abschlossen und als schwer behindert angesehen wurden. Nunmehr haben Fachleute und Eltern gelernt, mithilfe sogenannter "gestützter Kommunikation" Kontakt aufzunehmen.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht bei Förderung und der Einsicht in die lebenslangen Lernprozesse nicht darum, "die Behinderung wegzutherapieren", oder Hoffnungen auf "gänzliche Heilung" zu suggerieren. Unser Ziel ist ein Leben mit behinderten Menschen, das auf das kategorische "Unmöglich" verzichtet und statt dessen nach Wegen sucht, wie Entwicklung weitergeht. Die Grenzen von heute sind unser Startpunkt für morgen.
Schule ohne Aussonderung - INLKUSION
Inklusion ist eine Haltung, die auf der Überzeugung beruht, dass alle Menschen gleichberechtigt sind und geachtet und geschätzt werden sollen - eine grundlegende Menschenrechtsfrage. Integration war eine notwendige "Zwischenstation" - von der Aussonderung behinderter Menschen zu einem Umdenken, das bewirkte, sie in "die Gesellschaft zu integrieren". Jedoch Integrieren bedeutet ein Wertungsverhältnis: die, die integrieren und die, die (großmütig) integriert werden - eine besser bewertete Großgruppe gegenüber einer schlechter bewerteten Kleingruppe. Der nächste Umdenkprozess muss dazu führen, wirklich ALLE Menschen als gleichberechtigt zu betrachten und mit dieser Grundhaltung erübrigt sich Integration, gibt es nur mehr Inklusion.
Für die Schule bedeutet der Inklusionsgedanke folgendes (Erklärung der UNESCO beim UN-Komitee für Rechte des Kindes am 6.10.1997 im Zentrum für Menschenrechte in Genf):
- Kinder mit Behinderung in den Schulen zu erziehen, die sie auch besuchen würden, wenn sie keine Behinderung hätten
- Unterstützung der Regelschul-Lehrer und der Schulverwaltung
- Gleicher schulischer Tagesablauf für Kinder mit und ohne Behinderung
- Förderung von Freundschaften zwischen Kindern mit Behinderung und ihren gleichaltrigen Klassenkameraden ohne Behinderung
- LehrerInnen und Schulbehörden, die diese Ziele ernst nehmen
- ALLE Kinder lernen, Unterschiede zu verstehen und anzunehmen
Die Lebenshilfe Wien schließt sich diesen Grundsätzen vollinhaltlich an.
Lernen - ein Leben lang
"Man lernt nie aus" heißt ein Sprichwort, und es stimmt. Die Schullaufbahn hat vielen Menschen ein Gefühl der Bevormundung vermittelt - allzu oft mussten Dinge gelernt werden, die mit der eigenen Lebensrealität und den eigenen Fragen zum Leben nichts zu tun hatten. In der Erwachsenenbildung hingegen ist selbstbestimmtes Lernen möglich. Und hier zeichnet sich dann auch sehr deutlich ab, dass Menschen gerne "etwas dazu lernen" - und das ohne Unterschied zwischen behinderten und nicht behinderten Personen. Doch, einen Unterschied gibt es: Das Angebot für Weiterbildungen ist, was Menschen mit Behinderungen anbelangt, ein ziemlich spärliches bzw. sind sie von vielen Angeboten ausgegrenzt.
Hier muss ein Umdenken stattfinden und es gibt noch viel zu tun, bis auch Menschen mit Behinderung die volle Teilnahme an Weiterbildung für Erwachsene möglich ist. Auch Erwachsenenbildungsangebote müssen inklusiv sein, so dass jeder Mensch daran teilnehmen kann. Um dies umsetzen zu können, müssen wir erst einmal die "volle Lernfähigkeit" von geistig behinderten Personen in unseren Köpfen anerkennen. Das allein wäre schon eine kleine "Revolution".
Georg Feuser:
"Wir tun uns noch heute schwer damit, Behinderte in regulären Kindergärten und Schulen zu erziehen und zu unterrichten, in normalen Betrieben mit ihnen zusammenzuarbeiten und mit ihnen zusammenzuwohnen. Würden wir das erschwerte Lernen und die Mühe würdigen, die sich die Betroffenen machen, um sich die von uns Nichtbehinderten geschaffene Welt anzueigenen, müssten wir von ihren besonderen kognitiven Fähigkeiten, ihrem Geschick und Können sprechen und nicht von geistiger Behinderung." (Auszug aus einem Vortrag 1998 "Menschen mit Behinderungen in der Erwachsenenbildung", Bremen)
