Wenig Zeit, eigenes Überfordertsein, eigener Schmerz oder Ratlosigkeit macht es den Eltern behinderter Kinder manchmal schwer, für Gespräche mit den Geschwisterkindern da zu sein.
Geschwisterkinder wollen die Wahrheit über das Ausmaß der Behinderung erfahren. Vielen Eltern tut es weh, über dieses Thema zu sprechen, aber nur das kann den Geschwisterkindern helfen, eigene Ängste abzubauen. Und: Auch Eltern können diese Gespräche gut tun – sie sind durch diese Offenheit gefordert, sich aktiv mit ihrem Schicksal auseinanderzusetzen. Geschwisterkinder sind durch diese Aufklärung auch der Umwelt gegenüber „gewappnet“, was ihnen Sicherheit gibt.
Ilse Achilles schreibt dazu:
"Es ist für die Geschwister behinderter Kinder sehr wichtig, die Wahrheit über das Ausmaß der Behinderung zu erfahren. Vielen Eltern fällt es schwer, mit ihren Töchtern oder Söhnen daüber zu sprechen. Zum Teil wissen sie selbst nicht genau, woher die Behinderung kommt, zum Teil ist ihnen das Thema peinlich. Damit meine ich, es tut ihnen wirklich weh, darüber zu sprechen. Dennoch muss es sein - um die Ängste der Kinder abzubauen - steckt die Krankheit vielleicht auch in mir? - Man kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig es ist, den nicht behinderten Kindern so früh, so ehrlich, so ausführlich wie möglich zu erklären, warum ihre Schwester oder ihr Bruder behindert ist.
In der Untersuchung der amerikanischen Psychologin Frances K. Grossmann wird das Gespräch über die Behinderung oft mit der sexuellen Aufklärung verglichen. Die Teilnehmer der Studie sagten, die Entstehung der Behinderung hätte sie brennend interessiert, aber sie hätten ihre Eltern nicht so genau zu fragen gewagt. Und vielen Müttern und Vätern ist diese Art von Aufklärung ebenso unbequem wie Gespräche über Sexualität. Sie denken:"Wenn das Kind nicht fragt, will es auch gar nichts Genaueres wissen", und beginnen von sich aus das Gespräch nicht. Das ist falsch. Gerade mit kleineren Kindern, die ihre Ängste und ihr Unverständnis nicht verbalisieren können, muss öfter über die Behinderung gesprochen werden: "Klaus kann das nicht, weil er..."
In einigen Untersuchungen wird immer wieder festgestellt, dass Kinder sich umso mehr sorgen und ängstigen, je weniger sie über die Behinderung wissen. Frances K. Grossmann berichtet von der elfjährigen Cindy, Schwester eines behinderten Jungen, die bei ihr in psychotherapeutischer Behandlung war. Cindy glaubte, jemand habe ihrem Bruder "auf den Kopf gehauen. Ich weiß aber nicht, wer." Und sie fürchtete sich, dass ihr Ähnliches passieren könne. Solche Vorstellungen belasten die Entwicklung des Kindes nachhaltig. Aber auch bei den ältern Geschwistern wirkt sich Unkenntnis über die Behinderung einschränkend aus: Sie machen sich Sorgen, ob sie die Behinderung an eigene Kinder weitervererben könnten.
Das Gespräch, die gründliche Aufklärung über die Behinderung, ist jedoch nicht nur wichtig, um die Ängste der Geschwister abzubauen. Es dient auch dazu, die Kinder so zu informieren, dass sie Freunden, Schulkameraden, notfalls auch Leuten auf der Straße Rede und Antwort stehen können. "Als mal jemand zu meinem Bruder "Trampel" sagte, weil er seinen Kakao verschüttete, habe ich ganz kühl gesagt: Der ist kein Trampel, der hat eine feinmotorische Störung. Und Sie können froh sein, dass Sie keine haben", erzählt eine Zwölfjährige selbstbewusst."
Geschwisterkinder wollen manchmal erklärt bekommen, warum die Eltern Zeit und Kraft für das behinderte Kind brauchen. Es ist auch in Ordnung, wenn sie mitbekommen, dass Eltern sich Sorgen um die Zukunft und Gesundheit des behinderten Kindes machen, aber sie sollten diese Belastungen nicht andauernd gesagt bekommen. Über Fragen und Probleme sollte in der Familie offen geredet werden. Und es ist auch in Ordnung, wenn Eltern manchmal keine Antwort wissen.