HTML Version    Schriftgröße: A A A        

Sonderpädagogik per Holzverschlag

Um ein "sehr schwieriges" Mädchen in aggressiven Phasen ruhig zu stellen wollte die Sonderschule in Hartheim zu besonderen Mittel greifen: Ein "Auszeitraum" alias Holzverschlag galt dem Direktor offenbar als pädagogisches State of the Art. Die Schulbehörde verhinderte den Unsinn im letzten Moment.

 

Die Sonderschule Hartheim in Oberösterreich sorgt mit einem Holzverbau für Aufregung. Der von der Schulleitung "Auszeitkammerl" genannte Holzverschlag hätte ein 14-jähriges Mädchen in aggressiven Phasen beruhigen sollen, erklärte Sonderschuldirektor Karl Schmidthuber.

"Das 14-jährige Mädchen ist geistig behindert und schon mehrmals tätlich geworden. Es hat Schüler und Lehrer geschlagen, gezwickt und gebissen", rechtfertigte der Schulleiter in den Oberösterreichischen Nachrichten seinen "sonderpädagogischen" Plan, mit dem er Schüler und Lehrer schützen wollte. Das "Auszeitkammerl", das bereits gezimmert worden war, ist vier Quadratmeter groß, zwei Meter hoch und gepolstert.

Nach Protesten von Eltern und dem Zeitungsbericht zog der zuständige Bezirksschulinspektor Karl Eckmayr offenbar die Notbremse und ordnete die Entfernung des Holzverschlags an.

"Zum Teil verstehe ich die Aufregung ja auch. Aber ich weiß nicht, was wir anderes machen könnten", rechtfertigte sich der Schulleiter gegenüber dem Standard. Sandra, die Schülerin, sei "in solchen Phasen einfach nicht zu beruhigen. Da hilft auch keine Einzelbetreuung", eine Lehrerin sei bereits eine Woche im Krankenstand gewesen, Schüler würden "Antibiotika schlucken", um sich durch Kratz- und Bisswunden nicht zu infizieren, zeichnete Schmidthuber ein Bild der völligen Überforderung der Schule.

Trotzreaktion: Ausschluss vom Schulbesuch
Dementsprechend seine Reaktion, die an die 70er Jahre erinnert: Die Schülerin wurde vom Unterricht suspendiert. "Offensichtlich muss Schule neu definiert werden. Sie wie es aussieht, wird es Kinder geben, die nicht in die Schule gehen können." Warum allerdings diese Kinder anderswo betreut werden können, während seine Sonderschule dazu nicht in der Lage sein soll, diesen Widerspruch erklärte der Schuldirektor nicht.

Schon Ende der 1970-er Jahren hatte die Lebenshilfe Österreich erstmals erhoben, dass damals mehr als 1000 Kinder "von der Schulpflicht befreit" waren und keinerlei Förderung vom Staat erhielten. Nachdem dieser Missstand damals aufgedeckt wurde, bekannten sich die Schulbehörden zu ihrer umfassenden Verpflichtung zur Förderung aller Kinder.

Bei seiner Vorgangsweise berief sich der Schuldirektor auch wiederholt darauf, dass es im Institut Hartheim, in dem das 14-jährige Mädchen betreut wird, ebenfalls einen "Auszeitraum" gebe. Ein Betreuer des Instituts bestätigte dies, wies jedoch darauf hin, dass der "Auszeitraum" am Institut Hartheim sieben Meter groß sei, Fenster habe nur für maximal fünfminütige Aufenthalte verwendet würde, wenn alle anderen Beruhigungsversuche versagt hätten.

Nicht nur die beabsichtigte Vorgangsweise der Schule, auch ihre Optik ist verheerend. Denn das Schloss Hartheim wurde von den Nazis dazu verwendet, um rund 30.000 Menschen, von den Nazis als "lebensunwert" dehumanisiert, im Rahmen der Euthanasie-Aktion "T4" zu ermorden. Im KZ-System spielte Hartheim dabei die Rolle eines Experimentier- und Trainingslagers des Massenmordes.

03. Juni 2008 / LHW, spu

thema name datum


Hier können Sie einen Kommentar abgeben:


Name*:
E-Mail*:
Thema:
Nachricht*:
Sicherheits-Check*: Bitte tippe hier den Sicherheits Check in dieses Feld:

 

Felder mit * müssen ausgefüllt werden