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Was geistige Behinderung bedeuten kann

Einer der Gründe, warum die Konfrontation mit einer "geistigen Behinderung" des eigenen Kindes für Eltern so schwer zu verkraften ist, liegt darin, dass wir immer noch sehr wenig über die Lebenssituation behinderter Menschen wissen.

 
Gruppe von Kindern, im Vordergrund ein Kind mit Down-Syndrom
Erst wenn Kinder selbstverständlich miteinander aufwachsen können, kann sich das Bild von geistiger Behinderung in der Gesellschaft ändern.
 

Wir können uns ein bisschen vorstellen, was es bedeutet nicht hören zu können, denn wir können uns die Ohren zuhalten und in die Welt eines gehörlosen Menschen ansatzweise hineinfühlen. Wir können die Augen schließen und uns zumindest für einen "Augen-Blick" vorstellen, was Blindheit bedeuten könnte. Aber wie können wir uns die Welt eines Menschen mit geistiger Behinderung vorstellen?

Wir wollen versuchen zu erklären, was eine geistige Behinderung ist und wie sie sich auf die Entwicklung eines Kindes auswirkt. So wie Kinder jedoch unterschiedlich groß und gescheit sind, blonde oder schwarze Haare haben, geschickt oder ungeschickt sind, entwickeln sich Kinder mit geistiger Behinderung sehr unterschiedlich. Und Prognosen über die Entwicklung bergen eine Gefahr in sich: Dass mit der Voraussage einer Entwicklung zu einem frühen Zeitpunkt unbekannte Möglichkeiten "verschüttet" werden. Gerade wir Eltern von geistig behinderten Kindern haben so oft gehört: Ihr Kind wird nie dieses oder jenes können - nur um von unseren Kindern selbst eines Besseren belehrt zu werden.

An dieser Stelle sei gesagt, dass der Begriff "geistige Behinderung" in unseren Augen - aber auch in den Augen der Betroffenen selbst - kein glücklicher ist. Betroffene selbst thematisieren schon seit Jahren, dass sie nicht so genannt werden möchten - und es hat sich eine Unzahl anderer Begriffe gebildet: "Menschen mit Lernbehinderung", "Menschen mit besonderen Bedürfnissen" usw. Wir sind mit keinem dieser neuen Begriffe glücklich: Unsere Kinder haben in unseren Augen keine "besonderen Bedürfnisse", sondern Bedürfnisse wie jeder andere Mensch auch - mit dem Unterschied, dass sie zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse mehr Unterstützung brauchen und auch vor viele Hürden gestellt werden. Sie haben auch keine "Lernbehinderung", denn es ist unglaublich, was sie lernen können und wollen. Da Urteile über "den Geist" eines Menschen unmöglich sind, wäre die Beeinträchtigung unserer Kinder am ehesten mit "intellektueller Beeinträchtigung" zu beschreiben, was aber wiederum ein schwieriger Fachbegriff ist. Wir behalten daher den Begriff "geistige Behinderung" noch bei, bis wir eine "glücklichere Wortwahl" gefunden haben, um unsere Kinder von jenen zu unterscheiden, die eine rein körperliche Beeinträchtigung haben.

So wie in jedem Kind stecken auch in Ihrem Kind ungezählte Möglichkeiten, Talente und Neigungen, die entdeckt, gefordert und gefördert werden müssen. Das bedeutet nicht, auch Begrenzungen zu akzeptieren. Es ist mehr wie die Reise durch ein noch unbekanntes Land: Hinter jeder Biegung, hinter jedem beschwerlichen Anstieg können neue Ausblicke warten, die vorher nicht zu erahnen waren. Lassen Sie sich auf die Entdeckungsreise mit Ihrem Kind ein!

Die geistige Behinderung hat im wesentlichen zwei Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes:

  • Zum einen verläuft die Entwicklung meist sowohl körperlich als auch intellektuell langsamer, als dies in der Regel von einem gleichaltrigen Kind zu erwarten wäre.
  • Zum anderen ist die Entwicklung oft unregelmäßiger und zwischen den einzelnen Bereichen der Entwicklung bestehen oft nur schlechte Verbindungen. Einige Beispiele können dies verständlich machen: Ein Kind kann motorisch sehr geschickt sein, kann gut gehen und laufen - aber es hat noch kein Sprachverständnis, oder verwendet Worte falsch. Oder ein Kind wendet sich jemand Herankommenden sehr herzlich zu - aber es tut dies nur kurz, weil seine Aufmerksamkeit durch die geistige Behinderung beeinträchtigt ist. Oder es ist sehr geschickt und hat gute Fingerfertigkeiten - gleichzeitig aber Schwierigkeiten, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren.

Diese fehlende Verbindung einzelner Bereiche erschwert auch unseren Umgang mit geistig behinderten Mitmenschen. Unausgesprochen haben wir in Beziehung zu jemand anderen immer eine ganze Reihe von Erwartungen: Es ist meist schwer verständlich, dass jemand z.B. gut kopfrechnen kann, aber überhaupt kein Verständnis für den Umgang mit Geld hat - weil wir diese Kenntnisse automatisch miteinander verbinden. Oder es fällt uns im Allgemein schwer, von erwachsenen Menschen zu akzeptieren, dass sie in manchen Lebensbereichen unselbständig sind und Unterstützung brauchen.

Eine geistige Behinderung kann auch zusammen mit einer anderen Behinderung, etwa einer körperlichen oder einer Sinnesbehinderung, auftreten. Oft wird dann von "Mehrfachbehinderung" gesprochen. Insbesondere dann braucht ein Kind in allen Entwicklungsbereichen gute Förderung, damit es sich trotz seiner Behinderung gut entfalten kann.

Durch seine geistige Behinderung ist Ihr Kind meist in seiner intellektuellen Entwicklung beeinträchtigt. Viele Eltern haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass dies keine Auswirkungen auf seine emotionalen Entwicklungen haben muss.
"Unser Michael lockt uns mit seinen Gefühlen und seiner Herzlichkeit immer wieder aus der Reserve. Wenn wir am Wochenende wandern gehen oder grosser Besuch kommt, dann scheint er das am meisten zu empfinden und zu genießen."