Vom 16.-19.Juni 2010 trafen sich 3000 Teilnehmer/innen aus aller Welt beim Weltkongress von Inclusion International. Thema: Wie wird das Recht auf Inklusion gemäß UN-Konvention tatsächlich Wirklichkeit.
Wie wirklich ist die Inklusion?
„Mit 300 Selbstvertretern und Selbstvertreterinnen haben wir gerechnet, fast 1000 sind gekommen. Das hat auch uns überrascht“, lächelt ein sichtlich zufriedener Bernhard Conrads. Für den scheidenden Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Lebenshilfe Deutschland ist der enorme Zustrom von Menschen mit Behinderungen ein schönes Abschiedsgeschenk. Die Bilanz des 15. Weltkongresses von Inclusion International kann sich sehen lassen: 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 80 Ländern, davon ein Drittel SelbstvertreterInnen. Der multikulturelle Mix, die emotionalen Ansprachen, die fantastischen Bühnenshows heizten die Atmosphäre auf. Mit allen Sinnen fassbar war die Präsenz von Menschen mit Behinderungen, die sich energisch in die Diskussionen einmischten und souverän Fokussitzungen mit 300 oder mehr TeilnehmerInnen moderierten. Ebenfalls auffällig: Sie wissen mehr denn je über ihre Rechte Bescheid und treten dementsprechend selbstbewusst auf, wie Selbstvertreterin Mia Farah aus dem Libanon: “Die UN-Konvention hilft uns, die Kontrolle über unser eigenes Leben zu haben. Niemand kann Entscheidungen über unsere Köpfe hinweg treffen.”
„Inklusion – Rechte werden Wirklichkeit“ war das Motto während der vier Kongresstage im Estrel Convention Center, einem riesigen Hotelbunker in Berlin-Neukölln. Wie sieht die Wirklichkeit nun aus? „Artikel 12 der UN-Konvention ist die Vorschrift, die bisher in keinem Land umgesetzt wurde. Fast jedes Land steht vor dieser Herausforderung“, gibt Klaus Lachwitz, frischgebackener Präsident von Inclusion International, zu Bedenken. Im Artikel 12 geht es um die volle gesellschaftliche Teilhabe und die Geschäfts- und Entscheidungsfähigkeit von Menschen mit Behinderungen. „Die Konvention will weg vom Begriff der Unfähigkeit - sie erklärt alle Menschen für fähig, Entscheidungen zu treffen, ohne Unterschied ob eine Behinderung vorliegt oder nicht und ohne Unterschied, welche Behinderung vorliegt“, erklärt Lachwitz, der bei den Verhandlungen in New York selbst dabei war.
Selbstbestimmt Leben mit Demenz. Der Verein „Leben mit Behinderungen“ in Hamburg zeigt, wie das in der Praxis geht. Acht hochbetagte Menschen mit Down-Syndrom und Demenz in unterschiedlichen Stadien leben hier in einer Wohngemeinschaft zusammen, mit jeweils eigenen Mietverträgen. Der Verein tritt als Vermieter auf und organisiert Hilfestellungen in Form von ambulanten Diensten und Wohnungspaten, das können Familienangehörige, aber auch Ehrenamtliche oder Nachbarn sein. Projektleiterin Judith Hoffmann über das Konzept „Alle schmeißen ihr Geld in einen Topf zusammen und kaufen sich ihre Unterstützung selbst ein. Sie haben jetzt mehr Hilfe als zuvor in der stationären Betreuung.“ Selbstbestimmung ist weniger eine Frage des Alters, sondern der Bandbreite der Möglichkeiten und der Unterstützung.
„Einrichtungen müssen mit gutem Beispiel vorangehen“ sagte ein Vertreter des Bundesverbands evangelische Behindertenhilfe in Deutschland mit Blick auf die Dienstleister, die dafür zu sorgen haben, dass Menschen mit Behinderungen ihre Rechte einzufordern und sich positiv in die Gemeinde einbringen können. Themen, die gerade der jüngeren Generation am Herzen liegen, sind Partnerschaft, Familie und Kinderwunsch sowie ein eigenständiges Leben mit Arbeit und Einkommen. Hier braucht es noch mehr Freiräume und gesetzliche Rahmenbedingungen. Großes Interesse liegt auch daran, Menschen mit schwereren Behinderungen ein inklusives Leben zu ermöglichen – der diesbezügliche Workshop war restlos überfüllt.
Stark vertreten auch die Lebenshilfe Vorarlberg, die beim Kongress sowohl mit einer Selbstvertretungs-Gruppe als auch mit einem Experten am Podium vertreten war. Markus Vögel, Geschäftsbereichsleiter Arbeiten & Beschäftigen, präsentierte in seinem viel beachteten Vortrag das abgestufte Arbeitsdienstleistungsmodell der Lebenshilfe Vorarlberg. Die internationale Zuhörerschaft wurde dabei über Ausbildungs- und Arbeitsdienstleistungen – besonders auch für junge Menschen mit Behinderungen – in Österreichs westlichem Bundesland informiert. Zudem wurden die neuen Programme „Arbeit mit Dienstvertrag“ und „JobKombi“ vorgestellt, bei denen Menschen mit Behinderungen unter ähnlichen Bedingungen wie in der freien Wirtschaft beschäftigt sind.
Niemand kann allein Inklusion bewirken. Inklusion ist kein Zugeständnis, für das wir bitten müssen und das vielleicht gewährt wird. Inklusion ist ein Menschenrecht, es ist die Anerkennung der Vielschichtigkeit unserer Gesellschaft. Die Selbstvertretergruppe der Lebenshilfe Österreich forderte in den Diskussionen, über die guten Beispiele zu informieren und aufzuklären, wie Inklusion aussehen kann: "Damit können wir der Gesellschaft zeigen: Seht her, so kann es gehen."
24.Juni 2010 / Eva Schrammel, LHÖ
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