Nehmen Sie uns ein offenes Wort nicht übel: Wer geistig behindert ist, ist nicht dumm, und schon gar nicht ohne Gefühle. Ohne in Klischees verfallen zu wollen: Gerade manch schwerer behinderte Mensch hat ein feines Empfinden für Unausgesprochenes, für Empfindungen, die sich hinter schönen Worten oder einer glatten Fassade verbergen.
Was uns oft im Kontakt am meisten irritiert und auch hilflos macht, ist unser Unvermögen, richtig zu verstehen. Da ist vielleicht eine leicht verzerrte Sprechweise, oder das Suchen nach Worten und die langen Pausen, für die wir in unserem hektischen Alltag manchmal keine Zeit haben. Oder zu haben glauben.
Das Erlebnis ist für beide Teile frustrierend. Wahrscheinlich haben Sie das selbst schon manchmal erlebt: Etwa bei einer Auslandsreise, wenn Sie der Sprache ihres Gegenübers nicht oder nicht so richtig mächtig waren. Oder vielleicht in einer Unterredung, in der Ihnen nur begrenzte Zeit eingeräumt wurde. Das macht Stress.
Selbstredend frustrieren solche Momente auch Menschen mit geistiger Behinderung. Ein wenig Geduld und etwas weniger Leistungsdruck sind in solchen Situationen hilfreich. Bis wir merken: Da steht uns jemand gegenüber, der auf seine Art mit dem Alltag ganz gut zurechtkommen kann. Wenn man ihn oder sie nur lässt. Es ist schon o.k., wenn jemand mit einer Behinderung ein wenig bevorzugt wird. Auch im Zeitalter der Gleichberechtigung.
Hilfsbedürftigkeit und Schwächen sollen den Stellenwert haben, den sie für uns alle haben: Kein Mensch ist eine Insel. Jeder braucht mal Unterstützung, um mit seinem Leben zurecht zu kommen. Vielleicht kennen Sie das Phänomen aus einem Aufenthalt im Krankenhaus: Plötzlich bedürfen sie nicht nur wegen ihrer Krankheit Hilfe, sondern sind rundum pflegebedürftig, werden von früh bis spät versorgt und sind auf einmal ganz ohne eigene Kompetenz.
Behinderten Menschen geht es oft so, nicht nur für die kurze Dauer eines Spitalsaufenthalts. Aber der Blick auf die notwendige Hilfe soll nicht den Blick darauf verstellen, dass auch viele Menschen mit geistiger Behinderung über weite Strecken für sich selbst sorgen können.
